Das Herz bleibt ein Kind (Paul Klee)

Meine Mutter konnte die wunderbarsten Geschichten erfinden. Meist brauchte sie nur in ihre Tasche zu greifen und dann zog sie paar Dinge aus dem endlosen Sammelsurium, das sich darin befand, schloss die Augen und fing an zu erzählen. Es kam mir oft so vor, als beschriebe sie die Bilder hinter ihren Lidern. Sie sagt, das habe sie schon gemacht, als ich noch ein Fötus in ihrem Mutterleib war: sie erzählte mir, was sie sah oder was sich hinter ihren geschlossenen Lidern befand.

Bonbon Heute lag auf ihrer Handfläche ein rosa-weiß marmoriertes Bonbon in schillernder Cellophanfolie, es knisterte leise, als sie die Hand darum schloss und zu erzählen begann. Die Prinzessin Rosine war glücklich. Sie war ein hübsches Mädchen mit leuchtenden Augen und ihr gelbes Haar umgab sie wie eine Aureole. Auf ihrem Kopf trug sie eine kleine Krone, denn sie war ja eine Prinzessin. Sie Räume, in denen sie lebte waren voller fantastischer Spielzeuge, bunt, schillernd und farbig. Sie hatte auch ein besonderes Fenster in ihrem Zimmer, das war in sieben Teile unterteilt, eins für jeden Tag der Woche und da schaute sie immer hinaus in die Welt. Die Welt kam ihr süß und bunt vor wie Bonbons. Das Liebste in ihrem Zimmer war ihr aber ein Bild, das ein Maler von ihr und ihren Eltern gemalt hatte, als sie gerade geboren war.

Wolle Meine Mutter schloss die Hand fester und befühlte mit den Fingern ein kleines Quadrat aus lila Wolle: Als die Prinzessin Rosine sieben Jahre alt war, träumte sie jede Nacht denselben Traum. Sie war in einer stillen Stadt und betrat eines der stillen Häuser, die es darin gab. Niemand begegnete ihr und alles war steinern und kalt, obwohl eine warme Sonne schien. Sie war auf der Suche nach ihren Eltern, doch sie fand nur zwei verwaiste Stühle in einem Raum und darauf lag ein Pullover ihrer Mutter der Königin. Er war aus violetter Wolle und rote Rauten waren darauf, die die Prinzessin wie Augen anstarrten. Aber immer wenn sie den Pullover in die Hand nehmen wollte, erwachte sie und war traurig.

Glas Die Stirn meiner Mutter runzelte sich über den geschlossenen Augen, als die Kanten eines Glasstücks sich in ihre Handfläche bohrten: Rosine war vierzehn Jahre alt, als ihr Traum auf eine seltsame Art Wirklichkeit wurde. Der Pullover ihrer Mutter passte ihr nun und sie trug ihn oft und gern, aber ihre Mutter und auch ihr Vater hatten ihr gesagt, dass sie sich vom Kindsein verabschieden müsste. Das kunterbunte Kinderzimmer wurde weiß gestrichen und statt der Spielsachen gab es nun nur noch eine Reihe von Bildern an den Wänden, auf denen die kleine Rosine inmitten ihrer Spielsachen zu sehen war. Ein Bild für jedes Jahr, das vergangen war, vierzehn bunte Bilder in einem weißen Raum mit sieben Fenstern, von denen aus Rosine die Welt betrachtete. Aber die Welt sah jetzt anders, so klar und hell wie die steinerne Stadt in ihrem Traum und Rosine wusste, dass es die Wahrheit war, die sie nun betrachtete.

Matroschka Den letzten Gegenstand, den meine Mutter aus ihrer Tasche gezogen hatte, hatte ich nicht sehen können, aber sie erzählte weiter. Rosine hatte trotzdem sie nun erwachsen werden sollte immer gern geträumt und in ihren Träumen zog sie sich in das Reich ihrer Kindheit zurück, wo ihr die wunderliche alte Tante eines Tages ein bunt bemaltes Püppchen aus Holz schenkte, das sich öffnen ließ und innen hohl war. Darein steckte Rosine ein buntes Bonbon, ein Stück lilaner Wolle und eine schöne Glasscherbe. Die Tante sagte, solange sie dies bei sich habe, werde in ihrem Herzen immer ein Stück Kind sein, das die Wahrheit hinter der Wahrheit sehen könnte.

Meine Mutter öffnete die Augen wieder.
„Du weißt, dass es immer nicht nur eine einzige Wahrheit gibt, oder? Die Wahrheit hängt immer davon ab, welche Augen sie betrachten.“
Ich verstand sie in diesem Moment nicht, aber sie gab mir ein kleines Püppchen, das aus Holz war und ganz bunt bemalt. Sie zeigte mir, wie ich es öffnen konnte, um den kleinen Hohlraum im Innern freizulegen. Dann gab sie mir auch das Bonbon und ich kuschelte mich in ihre Arme und roch an dem lila Pullover mit den roten Drachen drauf. Während ich die Süße des Bonbons auf meiner Zunge zergehen ließ, träumte ich und wusste: Ich kann noch immer Kind sein.

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