Sorgenband – Zug

In letzter Zeit habe ich so sorgenvoll über Dinge nachgegrübelt, dass ich diese Stunden und Gedanken in einer fassbaren Form festhalten wollte. Zwei Dinge sind dabei entstanden: Zum einen das Sorgenband; kann ich etwa fünfmal um mein Handgelenk wickeln oder um meinen Hals. Die Garne habe ich selbst gesponnen und zum Teil selbst gefärbt. Es sind Stein-, Holz-, Bernstein-, Glas- und Metallperlen mit unterschiedlichen Flecht- und Knüpftechniken, die zum Teil mehrsträngig nebeneinander herlaufen (ist ja auch unwahrscheinlich, dass man immer nur eine Sorge zur selben Zeit hat). Zum anderen habe ich mich wieder an eine Geschichte von Michael Ende erinnert – er hatte in seinem „Spiegel im Spiegel“ einen Ikarus-Mythos (hier ab Seite 13) erzählt. Da ich bei der Kombination aus Foto und textiler Arbeit noch unschlüssig über die Präsentationsform bin, muss das etwas warten.

rote händeTrotzdem kommt hier noch eine etwas ältere Skizze, die zu einer Novelle gehört, die mir aber nicht mehr zu dem Text zu passen scheint, so lasse ich sie losgelöst als Bild des Gefühls hier stehen. Wobei die roten Hände in der Realität sehr greifbar sind und weniger für Gefühle stehen, die einen übermannen: „Das Vibrieren hatte sich von ihren Lippen in ihrem ganzen Kopf ausgebreitet. Als es ihre Brust erreichte, kam es ihr vor, als ob Gedanken durch ihre Blutgefäße und ihr Nervensystem krochen, aber sie spürte gar nichts. Sie hatte nur noch Gedanken in ihrem Kopf. Gedanken waren doch nicht fassbar, oder? Die Sorgen, Pläne, Überlegungen und Philosophien konnten doch keine Gestalt annehmen und sich wie Parasiten durch ihr Gewebe fressen? Hatte die Fremde, Juli, sie mit irgendwas aus dem Inter angesteckt? Wurden ihre Vorstellungen nun real wie im Inter und fielen über sie her? Sie musste irgendwie ins Bad kommen, um wieder das Benzodiazepin-Preparat einzunehmen. Schwitzend und mit unglaublicher Anstrengung stemmte sie sich hoch. Die Gedanken, die durch ihre Blutgefäße krochen, machten, dass sie sich trocken fühlte, als sie die paar Schritte wankte. Sie glaubte, sie würde rasseln. Nein, nicht sie rasselte, ihre Angst machte dieses Geräusch wurde ihr klar. Wie ein fetter schwarzer Tausendfüßler in einer dunklen Höhle in ihrem Bauch, kroch die Angst aus ihrem Versteck. Ihre vielen Beine rasselten gegeneinander als sie sich auf den Weg zu ihrer Brust machte.“

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