The pearl – ich habe nichts gesagt

Etwa im Oktober habe ich durch die Zufälle, die das Internet einem so vor die Füße schwemmt, Erzlindes Blog gefunden. Da mich die dortigen Texte sehr an meinen zweiten Freund erinnerten, der sich umgebracht hat, als ich siebzehn war, war nicht nur etwas in mir berührt, es bedeutete auch, dass ich mich auf eine ganz irrationale Weise nochmal mit Niels Tod und dem was ich damit verloren habe auseinandersetzen müsste. Aber ich hatte auch das Gefühl, dass ich diese Frau unbedingt kennen lernen möchte.

Der Text, der mich auf ihrem Blog am meisten beeindruckt hat, war das Alptraum-Nächtebuch, zu dem ich von Anfang an Bilder im Kopf hatte.

Da ich mich für keinen sehr körperlichen Menschen halte, denke ich immer mal wieder darüber nach, ob sich Liebe auch in Zahlen ausdrücken lässt und dann kam dieser wunderschöne Text, in dem jemand mit seinen Gedanken einen Raum in Zahlen erfasst, weil er jemand vermisst. Als ich anfing zu zeichnen, orientierte ich mich tatsächlich nur an den Zahlen, mein Blatt (ein Stück des von mir so geliebten Packpapiers) war in Quadrate eingeteilt. Etwa zur selben Zeit habe ich mich total in den Ausdruck „labiale Sünde“ verguckt, über die erste geometrische Schicht kam also als Abstraktion ein Flamenco-Kleid, das die Form von Lippen hatte. Ein zentrales Element der Texte von Erzlinde ist das Weibliche (Geschlecht), so entstand die Frau, die aus dem Kleid wächst. Die schüchterne Gestik und Mimik würde ich fast auf meinen eigenen Zensor schieben – düster pocht in meinem Hinterkopf immer noch die Frage, was meine Familie wohl über meine Bilder und Texte denkt. Zu dem Zeitpunkt bekam das Bild auch seinen Titel – the pearl.

Ich habe eine Weile mit mir gehadert, ob ich das Kleid als Metapher stehen lassen sollte oder ob ich lieber die Schamlippen explizit ausführen sollte. Ich entschied mich für letzteres, denn eine der Fragen, die ich Linde am Anfang stellte war die, wie man sich mit expliziter Sprache fühlt. Zeichnungen sind meine Sprache (unter anderem) und ich fühlte mich nackt, denn ich konnte, nachdem dann auch noch die Finger dazu kamen nicht mehr zurücknehmen, was ich da gezeichnet hatte ohne das komplette Bild zu zerstören. Zu meiner Entschuldigung, Beruhigung und Huldigung nahm ich Zuflucht zu Klimt und seinen wundervollen Mustern, die noch so manches verbergen konnten. so entstanden die Kleiderfalten und auch die Schamhaare.

Der Arbeitstitel „pearl“ war mir dann später ein wenig zu abstrakt. Außerdem überlegte ich, was man noch als Symbol für die Kleiderfalten nehmen konnte. Dann erinnerte ich mich an die Zeichnungen von Ernst Haeckel, die unter anderem auch Muscheln enthielten, so wurde dann der letzte Teil links oben fertiggestellt.

Neben Aquarellfarbe habe ich hier Pastellkreiden, verschiedene Tuschen und Latexmilch (für die Darstellung der Feuchtigkeit, das kommt beim Scan nicht so gut rüber) benutzt. Das Bild zeigt aber nicht nur das was man sieht, sondern eigentlich auch die ersten Stadien einer Liebe: Alles offenbaren und sich wieder verstecken wollen; es ganz genau sagen und dann mit hochrotem Kopf nichts gesagt haben.

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