Der traurige Weihnachtsengel

Der Weihnachtsmarkt war in der Stadt und die Familie zog mit ihren Kindern durch das bunte Gewimmel um Leckerein und andere schöne Dinge für  den Weihnachtsabend einzukaufen. Marthe und ihre Geschwister Karl und Franzi staunten mit offenen Mündern vor den schönen Lichterbögen und glitzernden Kugeln. Überall roch es herrlich nach gebrannten Mandeln und nach Zuckerwatte. Es war schon dunkel geworden und die Glocken der Kirche läuterten leise im Einklang mit dem Chor, der auf dem Weihnachtsmarkt sang. Die Eltern von Marthe, Franzi und Karl waren vor einem Stand mit geschnitztem Weihnachtsbaumschmuck stehen geblieben. Die Figuren waren so schön und kunstvoll, dass die Kinder das Gefühl hatten, sie wären lebendig. Und weil die Kinder so sehr darum baten, durfte sich jedes von ihnen eine der Figuren aussuchen. Karlchen entschied sich für einen Reiter auf einem Pferd. Es war ein Apfelschimmel und das Reiterchen hatte einen schönen roten Frack mit goldenen Verzierungen an und lächelte ein breites bärtiges Lächeln.  Eine zarte Ballerina in einem eisblauen Tutu gefiel Franzi am besten. Sie hatte rote Wangen und lächelte versonnen mit geschlossenen Augen. Marthe überlegte lange, ihre Augen wanderten über die Reihen der bunten Figuren, blieben an Nussknackern, Fröschen und Lebkuchenmännlein hängen und doch konnte sie sich nicht entscheiden. Da hörte sie auf einmal ein  ganz leises Stimmchen. „Nimm mich mit“, sagte es. Marthe war sich erst nicht sicher, ob sie in all dem Gesang und Lachen und Lärm richtig gehört hatte. Aber das Stimmchen rief noch einmal. „Nimm mich mit, Marthe.“ Das Stimmchen gehörte einem kleinen hölzernen Engel. Er trug ein prächtiges blau und goldenes Gewand und eine Krone auf dem Kopf, sein Gesicht aber war so traurig, dass Marthe selbst fast weinen musste als sie ihn ansah. Die Eltern schüttelten den Kopf über Marthes Wahl, aber da das kleine Mädchen so sehr um den traurigen Engel bat, wurde dieser in Holzwolle verpackt und in ein kleines Kästchen gelegt. Den ganzen Weg nach Hause wollte Marthe ihren Weihnachtsengel nicht aus der Hand geben. Karl und Franzi hatten sich längst den Naschereien zugewandt und ihre Figuren zu den anderen Schachteln in den großen Korb gelegt, den der Vater trug.

Als der Weihnachtsmorgen kam, wurde der Weihnachtsbaum in der guten Stube aufgestellt, dann wurde die Tür geöffnet und die Kinder durften herein. Alle Schachteln mit den bunten schönen Dingen, die für den Baum bestimmt waren, standen schon bereit und die Kinder hatten eine große Freude dabei, das Bäumchen mit den schönen Dingen zu behängen. Schlussendlich durfte jedes der Kinder sein Figürchen vom Weihnachtsmarkt an den Baum hängen. Als aber Marthe ihren Engel an den Baum hängen wollte, sagte Karl: „Ach du, was willst du den da hinhängen mit seinem traurigen Gesicht? Der verdirbt ja meinem Reiterchen die Laune.“ Und auch Franzi sagte: „Häng ihn bloß nicht neben meine Ballerina, sonst wir die auch noch traurig und dann hab ich sie nicht mehr lieb.“ Zögernd stand Marthe vor dem Bäumchen, weder wollte sie Karls Reitermännlein die Laune verderben, noch wollte sie, dass Franzi ihre Ballerina nicht mehr lieb hatte. Aber warum sollte das mit ihrem traurigen Engel zusammenhängen? Durfte man denn an Weihnachten nicht traurig sein? Gewiss, man bekam Geschenke, es gab gutes Essen und Lieder und Lachen, aber gerade war Marthe zum Weinen zumute, denn ausgerechnet ihr trauriger Engel sollte keine Platz an dem geputzten Bäumchen haben? Sie packte den kleinen Engel zurück in seine Schachtel, stellte still das Kästchen unter den Baum und ging aus dem Zimmer.

weihnachtsengelIhre Mutter fand sie später an ihrem Lieblingsplatz am Fenster, wo sie die Vögel beobachtete, die im Schnee die Körnchen aufpickten, die die Eltern dort hin gestreut hatten. Die Mutter bat Marthe ihr schönes Kleidchen anzuziehen und sich für die Bescherung hübsch zu machen, aber Marthe reagierte nicht. Die Mutter schaute ihre kleine Tochter an. Sie hatte sich schon seit einer Weile gefragt, wo die Kleine hingegangen war, sie hatte so plötzlich das Schmücken des Weihnachtsbaumes verlassen. Als sie sie fragte, was denn passiert wäre, erzählte ihr Marthe, dass Karl und Franzi sie nicht ihren Engel hatten aufhängen lassen, weil dieser alle traurig machen würde. Jetzt aber war sie selbst traurig wie der Engel. „Hat mich denn jetzt keiner mehr lieb, weil ich traurig bin? Darf ich denn traurig sein, obwohl heute Weihnachten ist?“ Die Mutter nahm ihre kleine Tochter liebevoll in den Arm und ließ sie schluchzen bis sie sich ausgeweint hatte.  Dann gingen sie gemeinsam in Marthes Zimmer, um sich für die Bescherung hübsch zu machen. Trotzdem Marthe wie Franzi ein hellblaues Kleid mit einer großen Schleife daran hatte um es zur Bescherung anzuziehen, erlaubte ihr die Mutter selbst ein Kleidchen auszuwählen. Als Marthe in dem dunkelblauen Samtkleid in die Stube trat, waren Franzi und Karlchen und auch der Vater sehr verwundert über ihren Aufzug und ihre verweinten Augen. Wie konnte man denn an Weihnachten traurig sein? Die Mutter aber nahm Marthe an die Hand, sie gingen gemeinsam zu dem Bäumchen, packten den traurigen Engel aus und Marthe suchte einen Platz am Bäumchen und hängte den Engel daran. „Jetzt hat auch die Traurigkeit einen Platz am Weihnachtsbaum.“, sagte die Mutter.

Dann begann die Bescherung. Mit glänzenden Augen packten alle Kinder die vielen Geschenke aus und auch Marthe konnte und wollte nun nicht länger traurig sein und spielte mit ihren Geschwistern, die den Vorfall längst vergessen hatten. Mutter und Vater aber lächelten über ihre kleine Tochter und wer weiß, vielleicht hat auch der traurige Engel am Weihnachtsbaum für einen kurzen Moment  sein Gesicht zu einem Lachen verzogen?

[Geschrieben am 24. Dezember 2015 auf der Zugfahrt von Berlin nach Sassnitz]

 

 

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